Wurst- und Durstgeschichten #02 – Das Patriarchat der Sprache

Der Hanswurst hat noch lange was von seinem letzten Ausflug mit dem Hape gehabt. Sein Schädel tat ihm noch mindestens zwei Tage lang weh. Und erinnern kann er sich bis heute nicht, was so alles passiert ist – mit Jaqueline oder Caroline.

Auf jeden Fall meint er, dass er gegen die geltenden Coronaverordnungen verstoßen haben könnte. Dürfen sich 5 Personen aus 2 Haushalten oder 2 Personen aus 5 Haushalten treffen? Nur draußen oder auch drinnen? Mit Maske oder ohne? Aber wie trinkt man dann Bier? Und meinen die echt, dass man durch die Maske rauchen kann? Echt jetzt? So langsam hat der Hanswurst den Durchblick verloren.

Aber wird schon stimmen. Er will gar nicht drüber nachdenken, was jetzt sinnvoll oder weniger sinnvoll sein könnte. Er weiß einfach zu wenig, vor allem über die Zusammenhänge mit Ursache, Wirkung, Maßnahmen und dem ganzen Coronagedöns. Der Hape hätte jetzt sicherlich was zu sagen. Der hat zu allem und jedem eine Meinung. Künstler halt. Hat zu viel Zeit, um Zeitung zu lesen. Der Hanswurst schaut dann und wann auch mal in son Blatt. Die BILD gefällt ihm, wenn’s unbedingt sein muss. Da reicht es meistens, sich die Bilder anzuschauen. Besonders gefällt ihm das obligatorische Nacktbild. Ist doch klar, er ist ein Kerl. Er ist der Hanswurst.

Jetzt hört er den Ruf. Den Ruf nach Currywurst. Hunger und Bock auf Fritten. Und so greift er nach seiner Maske und schlurft los zum Imbiss ums Eck.

Der Schorsch steht allein am Grill und sieht leicht gelangweilt hinter seiner Scheibe aus Plexiglas aus. Wie er den Hanswurst sieht hellt sich seine Miene ein wenig auf. Endlich mal Kundschaft und dann auch noch Stammkundschaft.

«Der Hanswurst.»

«Der Schorsch.»

«Wie immer?»

«Logisch.»

«Was geht denn so?»

«Nicht viel. Ist ja Corona.»

«Ach ja. Hätt ich fast vergessen.» (lacht sarkastisch)

«Ich hab eben an den Hape und die BILD denken müssen.»

«Was ham die denn miteinander zu schaffen? Der Herr Künstler ist sich doch sonst zu intellektuell für die BILD.»

«Ja. Das ist so. Er findet die Zeitung dämlich.»

«Die BILD ist auch einfach gestrickt. So mögen wir’s ja. Der Chefredakteur ist doch gerade am Pranger. Dieser Reichelt, oder wie der heißt. Aalglatt ist der doch. »

«Genau. Ein Sexist. Passt doch. Der fühlt sich stark, im Recht und herrlich

«Versteh ich nicht. Warum betonst Du das so? Irgendwie hab ich schon wieder den Eindruck nix zu blicken.»

«Hanswurst. Überleg doch mal.»

«Was denn jetzt?»

«Na, die Sprache. Hier. Nimm erst mal Dein Bier. Die Wurst braucht noch’n bisschen.»

«Danke. Was hat denn die Sprache mit dem BILD-Heini zu schaffen? Prost!»

«Na. Es kommt doch immer drauf an, was und wie man was sagt. Ich steh den ganzen Tag hier im Imbiss am Grill und quatsch mit den Menschen. Da entwickelt man zwangsläufig ein Gespür für die Sprache. Ein besonderes Fühling eben.»

«Aha.»

«Na klar. Zum Beispiel das Wort dämlich. Was glaubst Du denn wo das herkommt.»

«Wie? Herkommt. Das ist doch schon immer dagewesen.»

«Genau. Aber sprachgeschichtlich?»

«Jetzt klingst Du aber wie so’n Studierter. Quasi wie der Hape.»

«Egal. Dämlich kommt vom Wort Dame. Und herrlich demnach vom Wort Herr. Verstehst Du?»

«Ziemlich schräg. Hab ich bisher noch gar nicht drüber nachgedacht.»

«Das merk ich. In unserer Sprache zeigt sich doch, wie wir auf die Welt blicken – und wer auf sie blickt. Jahrhundertelang bildeten Männer das Zentrum unserer Gesellschaft. Die deutsche Sprache ist zutiefst männlich. Deine Cousine erzählt doch immer, dass Frauen bspw. erst seit den 70ern selbstbestimmt eine Arbeit aufnehmen durften. Vorher brauchten sie die Absolution ihrer Gatten. Apropos Absolution, die katholische Kirche ist seit Jahrhunderten ein Männerverein. Alles ist Patriarchat.»

«Hm, gut. Klingt weit hergeholt. Aber wenn Dich das alles stört, freut es Dich vermutlich, dass der – wie heißt es doch gleich noch mal? – Plural, genau. Der ist immer weiblich.»

«Ach Hanswurst. Du bist und bleibst einfach ein beratungsresistenter Macho. By the way, Deine Currywurst ist fertig. Fritten auch. Wie immer bisschen scharf?»

«Jep.»

«Bitte.»

«Danke.»

«Guten Appetit und ich krieg noch 7 Euronen von Dir.»

«Schreib’s an.»

2 Kommentare

  1. Frohe Ostern, lieber Flo plus Familie, frohe Ostern lieber Hanswurst, Smutje und Co.! 😹

    Ich habe mich beim Lesen wieder äußerst amüsiert. Obwohl es inhaltlich natürlich leider 100%ig stimmt- 🙄

    Macht euch einen Superabend! Mit oder ohne WURST! VVN

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Valentin, vielen Dank. 🙂 Dir und Wolf ebenfalls noch ein schönes Restostern. Und mal sehen was der Hanswurst, der Schorsch und der Hape nächstes Wochenende erleben… 😉

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