Wurst- und Durstgeschichten #03 – Der Schnelltest

Eigentlich will der Hanswurst nur eben schnell einen Schnelltest machen. Da stellt er fest, dass er gar keinen zu Hause hat. Er hat auch gar keinen gekauft. Er hatte es bis eben nicht einmal in Erwägung gezogen. Der Hape hatte ihm das mal angeraten, aber der Hanswurst hatte nur abgewunken und gesagt, dass er keinen Schnelltest brauche. Wofür auch? Die Kneipen sind doch eh geschlossen. Er wäre bei der letzten Landtagswahl sogar fast wählen gegangen. Er hatte angenommen, dass der Spitzenkandidat der CDU, die Kneipen wieder bald auf machen wollte. Dann hatte der Schorsch, dieser Klugscheißer, ihm aber gesagt, der Spitzenkandidat hieße Baldauf und sei eine Pfeife. Also ist der Hanswurst dann einfach zu Hause geblieben. Ändert sich ja doch nichts, ist sein Kredo. Bei den Volxparteien bewegt sich nichts und der Rest ist auch kacke. Vor allem die blauen Nazis von der AfD. Heil Bockwurst (großer, dicker König). Der Hape und der Schorsch hatten ihn ganz schön gescholten und die ganze Zeit etwas von Bürgerpflicht gesagt. Der Schorsch wollte ihm sogar die Currywurst mit Bier verweigern, musste dann aber doch auch an seinen Geldbeutel denken, ist ja Corona und so. Auf jeden Fall hat der Hape gerade angerufen.

Der Hanswurst geht also zur nächsten Apotheke. Dort stellt er fest, dass er seine Maske vergessen hat und schlurft wieder nach Hause. Er sucht mindestens 10 Minuten. Dann findet er unter der Küchenheizung eine zerknitterte. Muss wohl hinter den Heizkörper gerutscht sein. Egal. Auf dem erneuten Weg zur Apotheke denkt der Hanswurst darüber nach, wie man ohne Maske im Gesicht an neue Masken kommt. Verzwickt. Zum Glück hat ja eine, die aber irgendwie muffig und nach Heizung riecht. Die muss noch ein wenig halten.

In der Apotheke sagt man ihm, dass er einen Termin brauche. Auf seine Antwort, er nehme einfach den nächsten freien, sagt ihm die Apothekerin, die Termine würden elektronisch vergeben werden. Wie? Der Hanswurst hat kein Internet? Aber ein Telefon habe er doch wohl? Doch ja, ein Nokia 3210. Das hat er damals von der Uschi geschenkt bekommen, damit sie ihn erreichen kann, wenn sie mal wieder nicht weiß unter welcher Parkbank er eingeschlafen ist. Internet? Nee, das geht damit nicht. Das Telefon ist aber in Ordnung – nach 20 Jahren hält sein Akku immer noch mindestens 6 Tage durch. Die Apothekerin, Anfang 20, schaut den Hanswurst mitleidig an. Liegt das an seinem äußeren Erscheinungsbild? Oder vielleicht doch an dem Handy? Anfänglich weiß die Apothekerin mit dem Namen Nokia auch nichts anzufangen. Letztlich kann sie dem Hanswurst nicht weiterhelfen, einen Termin gibt es nur elektronisch. Als der Hanswurst schließlich meint, sie solle ihm doch einfach den Schuh aufblasen, wirft die Apothekerin den darauf protestierenden Hanswurst raus.

Da steht er nun der Hanswurst – vor der Apotheke und weiß nicht recht weiter. Was für ne Luftpumpe, diese Frau Apothekerin. Eigentlich ist er jetzt auf Krawall gebürstet. Und einen leichten Hunger hat der Hanswurst auch. Durst sowieso. Er könnte zum Schorsch und den fragen. Der weiß doch immer so viel.

Am Imbiss ums Eck ist doch tatsächlich eine Schlange und der Schorsch sieht schwer beschäftigt aus, wie er da am Grill herumwerkelt. Der Hanswurst stellt sich ans Ende der Schlange und beobachtet den Schorsch. Da fummelt irgendetwas an seiner Hand rum. Erstaunt blickt er nach unten. Da steht ein kleiner Rotzbengel und hält seine Hand. Der Hanswurst will was sagen, aber der kleine Junge strahlt ihn so an. Entwaffnend. So endgültig. Ist das ein Engel? Ist er tot? Er wollte doch nur einen Schnelltest? Und eine Currywurst. Und ein Bierchen. Als er gerade über das Licht am Ende des Tunnels nachdenkt, kommt ein mitteljunger Mann. Mitteljung? Na ja, irgendwie schon und entschuldigt sich für seinen Sohn. Eigentlich sollte er hier warten, während der Papa ein Eis beim Imbiss kaufen wollte. Der Hanswurst, immer noch ganz selig, winkt ab, fragt den mitteljungen Mann aber, ob er mal sein Handy benutzen dürfe. Der murmelt irgendwas von Corona und Hygiene, nimmt seinen Sohn an die eigene Hand und dackelt davon. Der Sohn weint, weil er kein Eis bekommen hat. Scheiß Hipsterpapa. Warum trägt heute jeder mitteljunge Papa einen Vollbart mit farblich abgestimmten Socken? Warum? Fazit: Kein modernes Handy und auch kein Eis.

Als der Hanswurst endlich an der Reihe ist, bestellt er beim Schorsch das übliche Gedeck und fragt ihn nach seinem Handy. Der Schorsch meint, er habe dies gestern dem Hape geliehen, der seins angeblich zu Hause vergessen hatte. Hm – er hat es nicht zurück bekommen. Wenn der Hanswurst den Hape sieht, soll er ihm ausrichten, dem Schorsch sein Handy wieder zurück zu bringen. Klar kann das der Hanswurst machen – quasi Nachrichtenübermittler auf zwei Beinen. Der Schorsch findet es aber auch komisch, dass Termine bei der Apotheke nur elektronisch vergeben werden. Was machen dann die vielen alten Leute hier im Viertel? Lassen sich nicht testen – wozu auch? Bleiben ja sowieso überwiegend daheim, eingeschüchtert und von ihrer Angst fast aufgefressen. Sind mit sich und der Gesamtsituation überfordert.

Der Hanswurst meint, der Schorsch solle jetzt mal aufhören und wie schaue es eigentlich mit der Currywurst aus? Und seine Zunge ist auch schon so trocken. Das mit dem Schnelltest wird wohl so schnell nichts mehr. Und eigentlich wollte er den Hape auch gar nicht zu Hause besuchen gehen…

gelesen von Jaqueline (Audio Voice Recorder Pro)

[Anmerkung am Ende: Dies ist der 500. Blogeintrag im Wurstzeitblog! 🙂 ]

6 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch, lieber Flo! Dann ist dies ab jetzt der offizielle „500-Wurstzeiten-Tag!“ 😺

    VVN

    P.S.: ich mag die Abenteuer vom Hanswurst. Aber wenn er mit dir unterwegs ist, trägt er seine Maske hoffentlich gescheit, und zwar ’ne neue! 😉

    Gefällt 1 Person

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