Wurst- und Durstgeschichten #08 – Die Meinungsfreiheit

Nachdem der Hanswurst und der Hape irgendwann und irgendwie wieder nach ihrem Ausflug in den Zoo nach Hause gekommen sind, verspürt der Hanswurst eine aufkommende Unlust auf den Hape. Und so sagt er also, dass er mal ein wenig Zeit für sich braucht. Allein. Ohne den Hape. Also Wellness für die Seele. Und weil es auch schon beinahe Mittag und der Kühlschrank vom Hanswurst meistens leer ist, geht er gleich zum Imbiss ums Eck.

Beim Schorsch ist ordentlich was los. Mittagszeit eben. Allerhand Volk steht sich hier die Beine in den Bauch und wartet, entweder darauf eine Bestellung tätigen oder das Bestellte in Empfang nehmen zu können. Natürlich alles Corona-konform mit Maske und Abstandhalten und so. Der Hanswurst kramt seine Maske raus, ist ja mittlerweile eh schon ein Ding der Gewohnheit und stellt sich hinten an. Als der Schorsch ihn sieht, winkt er ihm kurz zu. Der Hanswurst quittiert mit einem kurzen Nicken.

Der Hanswurst steht sich also gerade die Beine in den Bauch und lässt dabei seine abenteuerliche Rückreise vom Zoo Revue passieren, als ihn wer von hinten antippt. Erschrocken dreht er sich um. Da steht der Herr Doktor vor ihm. Also eigentlich hinter ihm, aber jetzt halt andersherum, weil er sich ja umgedreht hat. Also nicht der Herr Doktor, sondern der Hanswurst. Der Herr Doktor hat dem Hanswurst gerade noch gefehlt. Ein Studierter, ebenfalls wie der Hape, aber zusätzlich halt auch noch ein Doktor. Obwohl man das heutzutage ja auch nicht mehr so ernst nehmen muss, so oft wie diese Titel aberkannt oder zurück gegeben werden. Aber egal. Der Herr Doktor heißt eigentlich Fridolin Grünfink – Dr. Fridolin Grünfink – und ist von seiner Profession her ein Maschinenbau-Ingenieur. Da fällt dem Hanswurst spontan dieser alte Spruch ein: „Karohemd und Samenstau. Ich studier Maschinenbau.“

Der Hanswurst sieht das Blitzen vom rechten Schneidezahn vom Herrn Doktor. Irgendetwas irritiert ihn daran. Der Zahn ist aus Gold. Das ist es aber nicht. Ach ja. Die bereits erwähnte Routine. Aber warum trägt der Herr Doktor keine Maske? Der scheint den Gedanken vom Hanswurst zu erahnen und bemerkt, er sei bereits geimpft und sehe keinen Grund, jetzt noch einen Maulkorb zu tragen. Und dies im doppelten Sinne. Der Hanswurst, manchmal nicht der schnellste wenn’s ums Denken geht, nickt nur zögerlich. So ganz nebenbei denkt er sich, warum ist dieser Kerl eigentlich schon geimpft und er selbst nicht. So viel älter ist der Herr Doktor nicht und behindert ist er seines Wissens auch nicht. Darf man das so denken, geschweige denn sagen? Hm. Gute Frage. Also warum? Und sein Dackel ist vermutlich auch schon geimpft. Dieser steht neben dem Hanswurst und beschnuppert interessiert dessen linken Schuh.

Der Hanswurst, mittlerweile hat er ein wenig gedacht, meint, dass er sich erinnere, dass sich auch die Geimpften an die Maskenpflicht halten müssten. Da erwidert der Herr Doktor recht flott, dass er eben keinen Maulkorb mehr tragen wolle. Der Hanswurst versteht nicht so recht. Keine Maske oder wie jetzt? Auch. Der Herr Doktor holt jetzt aus, dass es in diesem Land keine Möglichkeit der Meinungsfreiheit mehr gebe. Man dürfe nicht mal mehr sagen was man denkt und meint. Äh, darüber hätte der Hanswurst ja eben auch kurz nachgesonnen. Der Hanswurst, der sich im Grunde nicht als Demokratiesachverständiger fühlt, meint daraufhin, man dürfe doch sagen was man wolle. Tut doch eh jeder. Ob nun am Stammtisch, im Internet oder hier in der Schlange beim Schorsch. Da meint der Herr Doktor, dass das aber nicht das selbe sei. Das Internet sei anonym und der Rest nicht. Der Bürgermeister von Tübingen zum Beispiel soll aus der eigenen Partei ausgeschlossen werden, weil er die Wörter Aogo und Neger im selben Satz geschrieben und vielleicht auch so gemeint habe. Das geht doch zu weit, wenn man jetzt auch noch aufpassen muss, dass man das schreibt was man denkt beziehungsweise meint. Der Palmer hat doch später geschrieben, dass es unklug von ihm gewesen sei, dies zu schreiben. Also Schwamm drüber, oder? Der Hanswurst meint, der Palmer sei dann aber immer noch ein Rassist. Und der Herr Doktor sagt, dass es um die Grüne Partei ginge und nicht um die NPD. Da gäbe es gar keine Nazis, höchstens ehemalige CDU-Wähler.

Der Hanswurst denkt drüber nach – über den guten Ton, Ethik, die christlichen Gebote und der Gesellschaft als Verhaltenskontrolle oder so, ihm fehlt es einfach an den richtigen Formulierungen – als der Dackel vom Herrn Doktor den Schnürsenkel vom linken Schuh vom Hanswurst zerkaut und das Dackel-Herrchen irgendwas über Volksverhetzung oder so erzählt. Das wäre wohl zumindest strafbar, zumindest nach dem Gesetz, nicht vielleicht nach dem Volksempfinden. Und deshalb dürfe man doch alles andere sagen, zumindest wenn es nicht unter Strafandrohung stehen täte.

An dieser Stelle geht dem Hanswurst das Gespräch eindeutig in eine falsche Richtung, Sackgasse sozusagen auch für jegliches Verständnisempfinden vom Hanswurst. Da wirft der Hanswurst ein, dass solche Behauptungen so oder so Unrecht seien und der Herr Doktor mal schön aufpassen solle was er da erzählt. Und überhaupt, wenn jemand einen Scheißdreck erzählt, dann muss er sich nicht wundern, wenn er einen Scheißdreck erntet. Und was solle das Gefasel mit der fehlenden Meinungsfreiheit eigentlich. Was ist denn mit Pegida, der AfD oder den Querdenkern. Die erzählen doch den ganzen Tag einen Scheißdreck. Sind die im Gefängnis? Nein. Sie verlieren höchstens an gesellschaftlichem Ansehen. Wie sieht es denn in China, Russland oder Myanmar aus? Hm? Und in der DDR damals? Das ist doch alles ein Scheißdreck mit der Geschichte der hiesigen Meinungsdiktatur und der Herr Doktor sollte sich was schämen, so was zu erzählen und vermutlich auch noch selber zu glauben. Und das auch noch als Studierter und als ein Herr Doktor obendrein.

Dem Hanswurst ist der Appetit gehörig vergangen, dabei hatte er sich so sehr auf eine gute Currywurst mit Fritten gefreut. Als er sich zackig umdreht, um in die entgegengesetzte Richtung zu entfliehen, tritt er dem Dackel auf den Schwanz, so dass dieser ordentlich aufjault. Egal, der ist doch eh geimpft…

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