Wurst- und Durstgeschichten #09 – Im Biergarten

Es ist Sonntag. Es wird ein schöner Tag mit Sonnenschein und warm wird’s wohl auch werden. Die Menschen gehen raus. Und treffen sich dort. Besser als drinnen, denkt sich Hanswurst. Wenn’s nach ihm ginge, sollte das Leben sowieso mehr draußen stattfinden. Die Südländer leben das ja und wie. Der Hanswurst war schon mal in Italien, vermutlich wie fast jeder. Er erinnert sich noch genau. Das war damals in den 80ern. 1982 oder so. Er fuhr mit seinen Eltern in Urlaub. Das ist normal für einen zwölfjährigen Bub, also mit den Eltern in Urlaub zu fahren. Damals fiel ihm also auf, dass das Leben dort auf der Straße, im Freien stattfand. Tut es heute vermutlich immer noch. Warum auch nicht. Er war fasziniert davon – von der Lautstärke, dem Lachen, dem Schimpfen, dem Feiern, dem Schnacken, der Geselligkeit. Er war auch hingerissen von den jungen Mädchen mit den schönen Kleidern. Er war immerhin in der Pubertät. Seine Eltern fanden das alles damals irgendwie unanständig. Sittenlos wie sie sagten. Danach machten sie nur noch Urlaub an der Nordsee und fortan immer im gleichen Kaff. Öde – bis der Hanswurst nicht mehr mitfuhr.

Ach ja. Damals. Aber heute ist ein schöner Tag mit Sonnenschein und warm wird’s wohl auch werden. Er geht raus. Vor die Tür. Er ist mit dem Schorsch verabredet. Heute ist Sonntag. Am Sonntag sperrt der Schorsch seinen Imbiss ums Eck immer zu. Dann hat er mal frei. Darum wollen er und der Hanswurst zusammen was essen und trinken gehen. Die Biergärten haben wieder geöffnet, dank der Witterung und der gesunkenen Inzidenzen. Heute wollen sie in diese Klause am Sportplatz. Gespielt wird zwar noch nicht. Nur EM, aber halt nicht hier am Sportplatz an der Klause. Da gibt’s vielleicht ein Training. Kann man gemütlich zuschauen.

Als der Hanswurst bei der Klause ankommt, sieht er schon den Schorsch an einem der Tische sitzen und in einer Speiskarte schmökern. Daneben sitzt der Hape. Der, als er den Hanswurst sieht, gleich die Arme in die Höhe reißt und mit den Händen fuchtelt. Das kennt der Hanswurst schon. Der Hape macht das schon immer, zumindest so lang er ihn kennt. Ist so eine Marotte. Ach nö, denkt der Hanswurst. Auf den hat er jetzt eigentlich keine Lust. Er will kehrt machen, aber da denkt er an den Schorsch. Er steuert also deren Tisch an und setzt sich auf den noch freien Stuhl. Was soll’s denkt er und murmelt ein „Tach zusammen“, als er sich die Mund-Nasenmaske abstreift. Kurz überlegt er, was er laut Coronabekämpfungsverordnung darf. Und welche Version zählt eigentlich gerade? Keine Ahnung. Was darf man eigentlich wo? Blickt doch keiner mehr durch.

Der Hape meint, man müsse hier die Maske nur anziehen, wenn man aufstehe um irgendwo hinzugehen. Zum Beispiel aufs Klo. Aber dafür müsse man sich erst einen Schlüssel holen, liegt im Eingangsbereich auf einem extra Tisch. Da findet man auch Desinfektionsmittel. Aber wofür? Für den Schlüssel? Oder soll man sich nach dem Klogang bei der Schlüsselabgabe damit die Hände desinfizieren? Kann man dann aufs Händewaschen verzichten? Das weiß der Hape jetzt auch nicht. Aber er stellt die Frage in den Raum, ob eine Burka als Mund-Nasenmaske zählen würde? Der Schorsch meint, davon hätte er in der letzten Coronabekämpfungsverordnung nichts gelesen. Das muss er als selbstständiger Gastronom nämlich tun. Immer up-to-date. Das sei (über)lebenswichtig. Klar. Der Hanswurst grübelt derweil immer noch, was das überhaupt ist. Also eine Burka. Der Hape grinst und meint, das ginge schon allein aus Stil- und sonstigen Gründen nicht. Aber was ist mit den normalen Masken? Haben dann alle Menschen, mit Ausnahme der Burkaträgerinnen einen eckigen weißen Fleck im Gesicht? Da scheint doch die Sonne gar nicht hin. Da weiß jetzt auch keiner eine Antwort drauf.

Der Schorsch ist mit der Karte nicht so recht zufrieden und bemängelt, hier gebe es ja auch nur das, was er in seinem Imbiss anbietet. Und vermutlich schmeckt’s bei ihm besser. Weil er keine Currywurst und kein Schnitzel möchte, wählt er eine Pizza Bruschetta. Klingt lecker. Der Hape will einen großen Salat. So einen mit viel Gedöns – zum sattwerden. Der Hanswurst hat eigentlich Bock auf Currywurst, will aber nicht vor dem Schorsch „fremdgehen“. Irgendwie ist ihm das unangenehm, also schon allein der Gedanke daran. Darum entscheidet er sich für Spaghetti Panna. Jetzt denkt der Hanswurst an Italien. Er blickt sich um. Überwiegend Rentner – auch Rentnerinnen – mit Bier und Weinschorlen, keine Kinder, wenig Leben. Definitiv kein Italien.

Die erste Runde Bier kommt. In großen Biertulpen mit diesen Papierdingern. Keine Ahnung wie man die nennt. Die hängen da halt am Glasstiel. So Pilsrosetten oder Bierkragen eben. Ein deutliches Zeichen für bodenständige Biertradition. Ein Pils. Auch Tradition. Sollen diese jungen Leute, diese Hippster doch diese neuen Biersorten trinken. Indienpaule und Schtaut und so. Gibt es ja jetzt überall zu kaufen, sogar in Kneipen, wenn’se mal auf haben – geht ja jetzt wieder. Aber der Hanswurst würde niemals so viel Euronen für Bier ausgeben. Da bleibt er der Tradition einfach treu. Da meint der Hape, dass die hier eigentlich schon mal ein IPA ausschenken könnten. Der Hanswurst gähnt demonstrativ und fragt „so’n Indienpaule“? Da muss der Hape lachen, nickt aber. Das sei nicht schlecht und schmeckt. Der Schorsch weiß auch nicht so genau, meint aber, dass er am Imbiss auch öfter danach gefragt wird, weshalb er überlegt sich ein paar Flaschen in den Kühlschrank zu legen. Mal gucken, ob das dann geht.

Das Essen kommt. Der Schorsch betrachtet seine Pizza. Erwartet hatte er irgendwie was anderes. Auf einem halb durchgebackenem Pizzaboden wurde offenbar eine Art Tomaten-Zwiebel-Balsamico-Marmelade verstrichen. Ohne Gewürze. Fad. Fad und kalt. Sehr enttäuschend. Der Hape mag seinen Salat. Immerhin ist es ein Pflücksalat mit einem anständigen Dressing und ordentlich viel Thunfisch oben drauf. Und der Hanswurst? Der weiß jetzt was Sahne auf italienisch heißt und dass er wohl keine Sahne verträgt. Zum Glück weiß er dank dem Hape von dem Kloschlüssel. Aber das mit dem Händewaschen. Wie war das?

Ein Glück, dass der Chef de Biergarten noch Ouzo ausschenkt. Sogar auf Kosten des Hauses. Das stimmt zuversichtlich, auch den Darm vom Hanswurst. Und so weiß der Hanswurst am Ende gar nicht mehr so genau, wie und wann er nach Hause gekommen ist. Er kann sich aber daran erinnern, dass das Bier dort gut schmeckt und der Armin jetzt wohl sein Freund ist. Also der Ouzotyp da. Der Chef von der Klause am Sportplatz. Der Ouzo-Armin…

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