Wurst- und Durstgeschichten #14 – Hanswurst hat DIE Kraft!

Der Hanswurst starrt auf sein Bier. Er konzentriert sich auf die aufsteigenden Bläschen in der goldenen Flüssigkeit. Irgendwann hatte er mal gehört, wie es jemand Aqua Vitae genannt hat. Das Wasser des Lebens. Das war schon lange her. Der Barmann fragt ihn, ob alles in Ordnung sei und er noch einen Schnaps möchte. Der Hanswurst bejaht. Danach fragt er sich, wo denn wohl der Hape steckt. Der ist doch schon vor ner Weile auf’s Klo gegangen und hätte längst wieder zurück sein müssen.

Er schaut sich in der Kneipe um. Heute ist viel junges Volk hier und laut ist es auch. Nach Hanswursts Geschmack zu laut. Klar. Aus den Boxen dröhnen Iron Maiden. Aber das ist ok. Am Tisch in der Ecke beim Flipper hat es sich eine Gruppe junger Emos gemütlich gemacht. Dann und wann sind auch die markanten Geräusche des Masters of the Universe-Flippers zu vernehmen. Er erinnert sich, wie sie früher ganze Abende an dem Gerät durchgemacht hatten, der Hape und er. Das waren noch Zeiten.

Neben ihm am Tresen sitzt ein Pärchen. Die knutschen die ganze Zeit und kleben wie Kaugummi aneinander. Die beiden sehen aus wie ein Kevin und ein Ronny. Liegt wahrscheinlich am Ostzonen-80er-Look. Ist nicht seins. Er war froh als diese Zeit Mitte der 90er endlich rum war. Egal. Langsam macht er sich ein paar Sorgen um den Hape. Aber aufstehen und nachsehen? So weit reicht seine Sehnsucht dann doch nicht. Die Neugier vielleicht schon. Aber das Sitzfleisch wiegt schwerer in der Waagschale der schnellen Abwägung.

Der Schnaps schmeckt kurz und schmerzlos. Ein klassischer Doppelkorn. Gibt’s heute nicht mehr so oft. Die ganze Welt trinkt Gin, Whisky oder Wodka. Aber Doppelkorn? Der ist nur noch bei echten Alkis im Standardsortiment. Klar, geruchslos und – vor allem – billig. Am Billardtisch hängen ein paar Studenten rum. Vermutlich. Sie sehen so aus. Keine Ahnung, wie die wirklich aussehen. Der Hanswurst war nie an der Uni. Er hat eine Metzgerlehre gemacht, damals. Das war ok. Die Studenten sind laut und scheinen nix zu vertragen. Sie grölen die ganze Zeit rum und benehmen sich als wären sie hier allein. Der Hanswurst brüllt jetzt rüber, sie sollen ihre Schnauze halten, er könne so sein Bierchen nicht gemütlich genießen.

Zwei zeigen ihm den Stinkefinger und der witzigste der Gruppe ruft zurück, dass er auch heim ins Altenheim gehen könne, wenn’s dem alten Sack hier zu laut sei. Der Hanswurst grölt dem Fatzke zu, dass er hier nicht so heiße Luft furzen solle, sonst käme er rüber und würde ihm die Luft ganz ablassen. Der wiederum meint, er solle ruhig kommen, wenn er sich trauen würde und die Arthritis es zuließe.

Der Hanswurst hebt sein Bier an die Lippen und trinkt es in einem Zug aus, bevor er sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund wischt. Dann steht er auf und dreht sich um. Vom Flipper her hört er einen der Emos laut, Bei der Macht von Grayskull – ich habe die Kraft, rufen. Das passt. Er drückt die Brust raus und zieht den Bauch ein. Irgendwie wäre es gut, wenn der Hape jetzt hier wäre. Immer muss er alles alleine machen. Einfach unzuverlässig der alte Knabe. Egal. Er streift die Hemdsärmel nach oben und geht in Richtung Billardtisch. Diese Studierten haben doch eh nix drauf.

Ehe er sich versieht, liegt der Hanswurst rücklings auf dem Billardtisch, zwischen den Kugeln und einem Queue quer über der Kehle. Verdammt. So hatte er das nicht geplant. Er wollte rüber gehen und diesen Eierköpfen zeigen, was es heißt sich mit einem gestandenen Metzger anzulegen.

Da. Auf einmal erscheint der Hape auf der Bildfläche. Hat der lange gebraucht, aber nun egal, vermutlich wieder die Prostata. Jetzt aber genau zur rechten Zeit. Das macht gute Freunde aus. Hape realisiert die Situation und sieht seinen auf dem Billardtisch festgenagelten Freund, ruft Bei der Macht vom Hanswurst, ich habe die Kraft! und schmeißt sich gegen den nächststehenden Studenten.

Der Hanswurst nutzt den Tumult und entringt seinem Peiniger den Queue und zimmert dem denselbigigen über den Schädel. Der Queue bricht und der Student hält sich den blutenden Kopf, dann fällt er um. Der Hape hat derweil das Gesicht seines Studierten ordentlich lediert, da türmen die restlichen zwei Stundenten. Sie scheinen es jetzt sehr eilig zu haben. Hanswurst legt einen Fuffi auf den Tresen mit den Worten stimmt so und sucht mit dem Hape ebenfalls das weite, bevor der Barmann auch nur irgendetwas erwidern oder die Bullen rufen kann.

Auf der Gasse fängt der Hape zu lachen an und meint zum Hanswurst, fast wie früher, haha. Der Hanswurst pflichtet ihm bei und fragt sich, wo sie jetzt noch ne Currywurst essen gehen könnten…

2 Kommentare

    • Beim Hanswurst gilt. Stille Wasser sind tief! 😉 Ja wirklich – eine Metzgerlehre. Die hatte ihm sein Vater besorgt. Und den Hape hatte er da auch kennengelernt. Sie trennte lediglich der Verkaufstresen… 🙂

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